Mittelpunkte
Die Vergangenheit meldete sich und es hat mir so dermaßen wenig ausgemacht. Keine schlaflosen Nächte, kein Gedankenkarussell, kein Durchdenken aller möglichen und unmöglichen Optionen und Verläufe von möglichen und unmöglichen Szenarien. Ich bin stolz auf mein Wachstum.
Ich weiß jetzt aber auch nicht, ob und wenn ja, was ich erwartet habe von der Vergangenheit.
Es hat mich sehr viel Zeit und Nerven und Taschentücher gekostet, mich selbst zu verstehen und weiter zu entwickeln.
Bei jedem Kontakt sehe ich, dass nur er der Mittelpunkt seiner und aller Welten ist. Ersteres ist zumindest ok, so lange man alleine ist.
Kommt dann so ein kleines Bobbele ins eigene Leben, dann sind da plötzlich zwei Mittelpunkte. Und je kleiner das Bobbele, umso größer sein Mittelpunkt. Da muss dann eine Balance zwischen beiden Mittelpunkten gefunden werden, die in den ersten paar Jahren faktisch kaum möglich ist.
Doch der riesengroße Mittelpunkt des kleinen Bobbele passt sich allein schon aufgrund der kindlichen Welteroberungstendenz an und der elterliche Mittelpunkt rückt wieder mehr in Richtung Nummer Eins. Mit der Zeit wird das Podest breiter, so dass beide Mittelpunkte Platz haben.
Außer, man ist und bleibt unter allen Umständen sein eigener Mittelpunkt und man verliert sich im Jammern und der externen Schuldsuche, warum alle Menschen so grausam zu einem sind, man sei jetzt zutiefst verletzt und das auch noch durch das eigene Kind und man gebe sich doch die größte Mühe und ist das Gottes-/Hindu-/Allah-/Buddha-/anbetungswürdige Entität-deiner-Wahl-Geschenk an jeden Nachwuchs der Welt.
Dann stehe ich da und frage mich: Es hat sich die letzten Jahre nicht gelohnt, diesem Menschen klar zu machen, dass der Fokus eines Eltern auf dem Kind liegt (zumindest eine relativ lange Zeit). Warum sollte es denn jetzt fruchten?
Werd erwachsen und hör auf zu flennen. Wenn du dich durch das Verhalten deines Kindes monatelang „zutiefst verletzt“ fühlst, dann hast du ein Problem mit dir selbst. Vielleicht schreibe ich genau das zurück. Oder auch nichts. Ich neige zum Problemlösen. Doch dieses Problem kann nicht ich lösen. Seit fast einem Jahrzehnt ist dieses Problem nicht veränderbar, also sollte ich den Businesshut wieder aufsetzen und sagen: Ist das Pferd tot, steig ab.
Ich bin meinem Kind dankbar, dass es mich lehrte, wie unwichtig das Verharren in angepissten Endlosschleifen ist. Ich bin die Erwachsene und ich entscheide selbst, wann, wie und wo ich mich absolut wichtig nehme oder eben ein wenig zur Seite trete, weil das Mittelpünktchen wichtiger ist.
Gerade vorgestern sagte mein Mittelpünktchen, dass es froh ist, mich als Mutter zu haben. Denn durch unsere Gespräche gebe ich Impulse zum Nachdenken.
Wow… Diese Aussage ist schon beeindruckend…