Ruhestress
Ich leide unter Ruhestress.
Die letzten zehn Jahre verbrachte ich sehr routiniert. Mein Kind, meine Arbeit, meine Alltagspflichten, Bullshit-Bingo mit dem Ex. Letzteres in den letzten zwei Jahren nicht mehr täglich, doch es verging kaum ein Tag ohne irgendwas, das mit ihm zu tun hatte.
Die Bullshit-Bingokarte ist ziemlich voll, da kann nur noch persönliche Befindlichkeit kommen, die mich schon lange nicht mehr interessiert. Ich habe meine Arbeit wieder so reduziert wie sie vor zwei Jahren war. Mein Kind wird immer selbständiger.
All das gibt mir mehr Zeit für mich.
Nun kann ich all das machen, was schon lange auf mich wartet.
Und gefühlt sind das so viele tolle Dinge, dass ich ganz viel anfange und dann nicht mehr weiß, was und wie und wo ich bin und tun möchte und kann und überhaupt.
Die Ruhe stresst mich. Nicht im Sinne von Ruhe vor dem Sturm. Auch keine zig Freizeittermine. Vielleicht hole ich ein Stück weit die benötigte Ruhe der letzten Jahre nach, weshalb sich meine Freiheit und freie Zeit stressig anfühlt. Mir fehlt diese Routine, die sehr effizient getaktet und optimiert war. Da gab es recht wenige Ruhe- und Frei-Zeiten. Vermutlich bin ich ein „normales“, ruhiges Leben einfach nicht gewöhnt.
Vielleicht ist es hilfreich, wenn ich mir neue Routinen auch erst mal takte. Einfach so in den Tag leben funktioniert nicht so, wie ich es dachte. Auf mich wirkt es immer so, dass andere Menschen einfach so den Tag verbringen. Entweder ist meine Sicht darauf falsch, oder aber ich kann resp. kenne das so einfach nicht.
Nehme ich jetzt noch das ganze Früher mit in diese Überlegungen, dann kenne ich ein ruhiges, friedliches Leben gar nicht. Dann ist das Neuland.
Ja, vielleicht hilft mir eine Art täglicher Ablaufplan, um meinen Ruhestress zu überwinden. Ein Luxusproblem ist das nicht, auch wenn ein Teil von mir meint, dass ich gefälligst dankbar und bla bla bla sein soll. Immerhin habe ich ja lange darum gekämpft, dass es nun so ist und halt doch einfach die Klappe, anstatt von Ruhestress zu faseln.
Mag sein, ja. Nur so ganz richtig zufrieden fühle ich mich noch nicht. Besser als früher, ja, definitiv – nur irgendwas fehlt.